LIVEBERICHT: DENOVALI SWINGFEST 2012

Letztes Wochenende hat endlich wieder das Denovali Swingfest stattgefunden. Auch dieses Jahr in der Weststadthalle in Essen. Auch dieses Jahr waren wir natürlich dabei und möchten unsere Impressionen mit euch teilen.

Freitag – Penispanik

Freitag haben wir das gleiche Problem, wie viele andere auch: Arbeit. So kommen wir erst an, während Philip Jeck spielt. Ein älterer Herr sitzt an einem Tisch, der überfüllt ist mit Spielzeug, das Musik erzeugen kann. Ein kleiner tragbarer Plattenspieler, Smartphone, Synthesizer und diverses andere Zeug und irgendwie kommt alles zum Einsatz. Gegen Ende des Sets ist die Soundwolke etwas zu dicht, aber was solls, im großen Ganzen echt beachtlich. Oneirogen alias Mario Diaz de Leon ist als nächster dran. Auch er hat einen Tisch mit Effekten, doch hier gehts in eine andere Richtung. Der New Yorker baut verdammt fette Elektronikwände auf und untermalt das ganze mit live eingespielten Gitarrensounds. Dabei kreuzen sich Metal und Elektronik in einer Weise, die hundert Prozent unter die Haut geht.

a dead forest index @ denovali swingfest 2012

heirs @ denovali swingfest 2012

Es folgt klassische Instrumentierung. Das Duo A Dead Forest Index mit Gitarre und Drums ist stilistisch zwischen Folk, Indie und Rock unterwegs. Besonders die kreativen Drums wissen zu überzeugen. Der Sänger windet sich mit spannend ausschauenden Posen um sein Mikro, singt mal ohne, mal mit Effekten. Sogar eine Art Hit wird gespielt, denn als die Band einen Song vom Swingfest Sampler spielt jubelt die Menge. Als nächstes ist die Band dran, auf die wir uns an diesem Tag am meisten gefreut haben, die Heirs aus Australien. Überraschenderweise nur zu dritt, denn der Thereminehühne und der zweite Gitarrist fehlen. Soundtechnisch ist das Trio noch rauher als in der Quintettformation. Die drei schließen an diesem Abend ihre Europatour ab und sind sehr spielfreudig. Besonders Gitarrist Brent scheint wie von einer Hornisse gestochen. Die Mitte des Bühnenbilds ziert ein großer leuchtender Penis, im Hintergrund läuft Lava über die Leinwand. Heirs sind massiv. Nach noch nicht mal 40 Minuten wird das Bühnenbild zerlegt und die Heirs verschwinden. Schade. Der Abschluss des Abends gehört A Winged Victory For The Sullen. Leider ist das, woran wir uns am meisten erinnern, der zickige Gitarrist, der lieber seinen Soundtechniker anschnauzt als auf der Bühne mit Gitarrensounds zu überzeugen. Na ja, der Cellosound ist fett.

Samstag – Schnurrbartparade

An diesem Tag gibts keinen Grund zu spät zu kommen oder überhaupt nicht zu kommen, so sind wir und viele andere Leute schon zu Beginn da. Es geht los mit The Pirate Ship Quintet, die ja schon letztes Jahr dabei sein sollten. Das Quintett weiß zu überzeugen und bietet den Hörern seine Interpretation von Post-Rock. Guter Einstieg. Eric Quach alias Thisquietarmy, umhüllt von rotem Licht, dröhnt das Publikum mit verdammt lauten Drones zu. Besonders “Aphorismes” von der gemeinsamen Platte mit Year Of No Light presst sich ins Gedächtnis. Year Of No Light sind dann auch als nächstes dran und setzen dem bisherigen Eindruck ein I-Tüpfelchen auf. Allein dieses Bild auf der Bühne, mit sieben Franzosen, von denen die meisten einen dunklen Schnurrbart tragen, ist auch ohne Musik beeindruckend. Vom ersten bis zum letzen Ton ist hier alles perfekt. Der Sound ist trocken und bombastisch. Allein die perfekte Aufteilung unter den Musikern und der zeitweilige Einsatz zweier Drumsets macht diesen Auftritt zum absoluten Highlight.

thisquietarmy @ denovali swingfest 2012

year of no light @ denovali swingfest 2012

Greg Haines muss im Anschluss die Gemüter wieder beruhigen, um die Aufmerksamkeit für sich beanspruchen zu können. Das tut er auch mit einem langen ersten Part, in dem er nur am Piano spielt. Erst zum Ende hin werden Effekte vom Rechner aus benutzt, um die Sounds des Flügels zu verfremden. Es folgen die beiden Publikumslieblinge Blueneck und Bersarin Quartett. Blueneck überraschen die Gäste und Veranstalter mit einer ungeplanten Kollaboration mit Carlos Cipa am Flügel, Bersarin Quartett überrascht mit Lichtlosigkeit. Kein Bühnenlicht, denn die Musik ist der Soundtrack zu einem imaginären Film im Kopf des Zuhörers. In unseren Köpfen dröhnen immer noch Year Of No Light. Als Betthupferl gibt es noch ein Elektronik-Jazz-Techno-Set vom Moritz von Oswald Trio. Leider nicht unsere Baustelle.

Sonntag – Fingerperfektion

Sonntag um 13 Uhr wieder am Start zu sein ist nicht Jedermanns Sache. Diejenigen, die es schaffen, werden mit einem Set von N belohnt. N spielt erstmalig nicht nur über seine Gitarrenamps, sondern auch über ein Bassamp. Das Resultat sind dichte noisige Gitarrendrones, die allesamt auf der Bühne entstehen, denn N benutzt nichts vorgefertigtes, sondern baut die Sounds mit den Fingern an der Gitarre und den Füßen an den Effekten live auf. N ist laut, sehr laut, das ist schön. Als Abschluss gibt es eine laute Version von “Suedfall”, dem Song von unserer HOME Compilation. Switchblade sind in den Startlöchern und spielen direkt nach N. Auf der Leinwand ist Zerstörung zu sehen und das Duo legt einen Soundtrack aus doomigen Gitarrensounds und vertrackten Drums darüber. Auch ein Gastsänger darf nicht fehlen, denn es gibt auch was vom neuen Album zu hören. Ein düsterer Soundsog.

N @ denovali swingfest 2012

switchblade @ denovali swingfest 2012

Um nach diesen beiden Acts mit handgemachter Musik als Laptopkünstler zu überzeugen, muss eine fette Soundwand her, und so taucht Saffronkeira aus Italien die Halle in seine elektronischen Beats. Er überzeugt besonders an den Stellen, an denen Ambientsounds den Hintergrund zu den langsamen Beats bilden. Wir gehen was essen, kommen wieder und werden von Freunden darauf aufmerksam gemacht, dass das was derzeit läuft uns eventuell nicht zusagen würde. Und ja es stimmt, Kammerflimmer Kollektief mit ihrer Art von Jazz sind nicht so ganz unser Fall. Carlos Cipa, der sich schon bei Blueneck gezeigt hat, kann dagegen mit seinen kurzen klassisch angehauchten Klavierstücken doch schon überzeugen. Allein die Geschwindigkeit, mit der seine Finger über die Tasten gleiten, ist zum Hut ziehen. Leider ist dann für uns auch schon Schluss und wir machen uns auf den Heimweg.

Als Resumee können wir uns einfach nur verneigen vor dem, was Denovali Records und alle fleißigen Helfer auf die Beine gestellt haben. Gerne wieder, im nächsten Jahr, dann hoffentlich wieder 100% unseren Geschmack treffend, wie die Jahre zuvor.

Wie fandet ihr das Festival? Schreibt uns einen Kommentar!

PS: Die restlichen Momentaufnahmen werden wir in den nächsten Tagen online stellen…

Tags: , , , ,

6 Responses to “LIVEBERICHT: DENOVALI SWINGFEST 2012”

  1. Jo Says:

    Vielen Dank für den Bericht! Also ich gehöre wohl zu den Wenigen, die nicht so ganz überzeugt waren von A Dead Forest Index, obwohl die CD bei mir auf Heavy Rotation läuft. Dieser – ich nenn ihn mal sakrale Sound, der mir auf der CD so gut gefällt, ist für mich live leider nicht so rüber gekommen. Ein absolutes Highlight waren natürlich Heirs. Mich würde aber mal interessieren, warum der Auftritt nur so kurz war. Samstag hat mir insgesamt besser gefallen. Zu Year of no Light braucht man wohl nix mehr sagen. Überraschendes Highlight war für mich aber auch Greg Haines!

  2. D.K. Says:

    A Dead Forest Index haben wir uns live auch anders vorgestellt. Der Drummer hat aber trotzdem eine beeindruckend vielseitige Spielart.

  3. Jo Says:

    ja für das kleine drumset, was er da aufgebaut hatte war das schon ganz cool, da muss ich zustimmen.

  4. Robert Says:

    Finde es schade, dass immer alles bedingungslos abgefeiert wird. Schaut euch mal die Diskussion auf der Denovali-Facebook-Seite an.
    Für mich – und ganz klar auch für andere – auch wenn das überall totgeschwiegen wird, war es das bisher schwächste Denovali-Line-Up mit gähnend-langweiligen Sets.

    P.S. Die ausgelutschten Live-Visuals könnten bei den Künstlern durchaus mal ausgetauscht werden.

    Ich liebe Denovali für seine Qualität, aber was ich dieses Jahr erleben musste ,war höchstens “ausreichend”.

  5. D.K. Says:

    Hi Robert,

    ja es war das schwächste Denovali Swingfest, aber trotzdem immer noch das beste Festival, dass es in Deutschland für solche Musik gibt.

    Und man redet ja lieber über das was einem gefallen hat, anstatt sich über das aufzuregen was einen angenervt hat.

  6. Jo Says:

    Das stimmt: im Gegensatz zu den Vorjahren war es dieses Jahr ein schwachses Line-up, aber das wusste man ja vorher und Denovali hat sich ja nun auch bemüht einem das Line-Up näher zu bringen. Da kann man sich dann hinterher nicht beschweren. Außerdem hat das hier auch niemand tot geschwiegen.

Leave a Reply