LIVEBERICHT: DER AMBIENTFESTIVAL-SAMSTAG

Das Ambientfestival hat dieses Jahr zum achten Mal seine Pforten in Köln geöffnet. Pforten ist in diesem Fall nicht sinnbildlich gemeint, denn Austragungsort ist die St. Aposteln Kirche am Neumarkt. In anderen Städten wäre diese prächtig ausgeschmückte romanische Basilika “die” Sehenswürdigkeit, in Köln “nur eine” von vielen im Schatten des Doms.

Erster positiver Eindruck ist die lange Schlange an der Abendkasse. Obwohl es wirklich richtig kalt ist, stehen Leute an, um noch eine Karte zu bekommen für den Abend, der im Vorverkauf schon lange ausverkauft war. Wenn Ambient die Massen anzieht, wie in diesem Fall, dann ist das eine gute Sache. Wir treten in die Kirche ein und müssen uns erstmal orientieren. Man tritt vom Seitenschiff ein, dort wo sich das Seitenschiff mit dem Hauptschiff kreuzt ist die Bühne. Das Seitenschiff ist überfüllt mit Gästen, die sitzen, stehen und sogar auf Teppichen liegen. Wir finden einen Platz im Hauptschiff mit dem Chor im Rücken und der Orgel im Blickfeld. Eigentlich der Ort für den Eingang, der gegenüber des Chores liegen müsste. Verwirrend schön.

James Blackshaw eröffnet den Abend mit seiner modernen Art der klassischen Akustikgitarrenmusik. Wie aus dem Off erklingt die zwölfsaitige Akustikgitarre. Blackshaw legt ein beachtliches Tempo vor. Zwischen den Songs dann die Momente, in denen Blackshaw die Gitarre stimmt, die sich so anfühlen als gehörten sie zum Set dazu. Die Musik wird von einer Lichtshow untermalt, bei der Projektionen auf zwei Glaszylinder beinahe den ganzen Kirchenraum ausfüllen. Apropos Kirchenraum: der Sound bewegt sich erstaunlicherweise vor allem seitwärts im Seitenschiff, also in die Breite, wir im Hauptschiff sitzend bekommen den Sound nur mit und sitzen nicht mitten drin. Sehr ungewöhnlich für einen Kirchenraum dieser Art.

Kaum ist Blackshaw von der Bühne betritt Rafael Anton Irisarri die Empore der Kirchenorgel, um sich dort mit einer kleinen Tischlampe an seinem Laptop und seinen Effektgeräten zu positionieren. Wie ein unsichtbares Phantom beginnt er eine Soundcollage aufzubauen. Er ist wirklich das, was im Titel des Festivals steht. Purer Ambient aus Seattle. Die Soundwolke wird immer dichter und scheinbar alles zermürbende Bässe setzen ein, die auf jeden Fall auch das Hauptschiff erreichen und uns als Zuhörer umhüllen. Die Lichtshow ist zurückhaltend und düster, Irisarri ist kein einziges Mal zu sehen, nur wer vorher gesehen hat, wo er sich hingestellt hat, kann seine Konturen erahnen. Was denkt wohl der Orgelmeister, wenn er einen Typen mit Laptop sieht, der sich vor die Orgel gestellt hat um die Kirche zu beschallen?

Nach einer kleinen Pause ist Nils Frahm an der Reihe. Er genießt es hörbar, in Mitten eine Menge von Menschen in einer Kirche zu sitzen, denn er lässt sich Zeit um langsam und bedacht ein paar Worte zu seiner Einladung zu verlieren. Ein Piano und zwei Synthesizer umrahmen Frahm. Eine große Kerze ist die einzige Lichtquelle auf der Bühne. Das Set beginnt mit einer experimentellen Percussion-Loop-Einlage am Piano und wird allmählich immer klassischer, bis dann zum Ende des Sets hin die Pianotöne durch die Effektgeräte gejagt werden und zu langgestreckten verzerrten Drones mutieren. Genialer Sound. Die Kirche trägt den Sound mal wieder in die Breite, was die Bedrohlichkeit der Drones steigert. Für die Zugabe bittet Frahm Irisarri und Blackshaw zum gemeinsamen Improvisieren auf die Bühne.

Ein Abend, ein Festival für die Ewigkeit. Schön, dass es Veranstalter und Kirchen gibt, die sowas ermöglichen.

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