LIVEBERICHT: DER SONNTAG VOM DENOVALI SWINGFEST 2011

Nachdem wir Sonntagfrüh verdammt lang gepennt haben, machen wir uns gegen 13 Uhr auf zum letzten Denovali Swingfest Tag.

fragments de la nuit @ denovali swingfest 2011

Les Fragments de la Nuit arrangieren sich gerade auf der Bühne. Von der Instrumentierung vielleicht das ungewöhnlichste Ensemble des Festes, denn Cello, Flügel und zwei Violinen sieht man hier nicht so oft. So ist dann auch das Set der Franzosen sehr klassisch, kann aber wahrscheinlich gerade deswegen auch besonders überzeugen. Am Ende springen die auf dem Boden hockenden Leute auf, um unter Jubel zu applaudieren, überraschend.

kodiak+N @ denovali swingfest 2011

Zwei Schilder vor der Bühne lassen die Gäste wissen, dass auch der Veranstalter die Idee mit den Stühlen vor der Bühne nicht so klasse findet. Coole Sache. Auch cool ist der Soundcheck von Kodiak+N. Die Jungs machen ihre Späßchen und als N alias Hellmut von der Bühne verschwindet und alle schon fertig sind und auf ihn warten, wird er mit großen Beifall Star-like begrüßt, als er wieder auftaucht. Die Kollaboration Kodiak+N ist für das letztjährige Swingfest ins Leben gerufen worden und aus einer Idee ist mittlerweile ein Album geworden, dass die Vier am Sonntag live präsentiert haben. Experimenteller Doom vom Feinsten. Auch wenn die Bandmitglieder sich auf der Bühne selbst nicht gegenseitig hören können (was zu lustigen Gesichtsfragezeichen führt), ist das Set überwältigend. Wer die Möglichkeit hat, die Band auf ihrer derzeitigen Tour zu sehen, sollte sich das nicht entgehen lassen.

her name is calla @ denovali swingfest 2011

Her Name is Calla, auch Swingfest erprobt, setzen auf eine gute Mischung aus Melancholie und Energieausbruch. Die Songauswahl ist gut und kann überzeugen und obwohl ich eigentlich nur mal reinhören wollte, um dann nach hinten zu gehen, bleib ich bis zum Schluss vorne stehen.

tim_hecker soundcheck @ denovali swingfest 2011

Am Sonntag sind die One-Man-Bands in der Unterzahl, dafür ist aber Tim Hecker einer von diesen. Ein sympathischer Kanadier, dieser Herr Hecker. Er baut sein Set auf, das vom Bühnenrand aus wie folgt aussieht: ein Laptop mit überklebtem Leuchtapfel, ganz viele Geräte, aus denen fette Kabel rausragen, und ein Ding mit Tasten, aus dem derbe Basssounds erdröhnen. So derbe, dass Hecker selbst schmunzeln muss, nachdem er die Sounds in der Halle ausprobiert. Leider sind die Denovali Jungs so nett, den Künstlern alle Wünsche zu erfüllen, und so findet das Set von Tim Hecker in völliger Dunkelheit statt. Einzig der Laptopmonitor lässt Heckers Silhouette erscheinen. Schade. Also bleibt einzig und allein die Musik und die ist berauschend. Flächen von Noise- und Ambientsounds gepaart mit extrem unterschwelligen Beats und alles bei einer krassen Lautstärke, die durch den ganzen Körper fließt. Der Mann versteht sein Handwerk.

hauschka @ denovali swingfest 2011

Und weil wir schon bei One-Man-Bands sind folgt Hauschka kurz danach. Wenn man seine Musik auf Platte und den Begriff „Prepared Piano“ hört, denkt man sich so einiges, aber wenn man live sieht, was er da macht, der Hauschka aus D’dorf, dann ist das schon wirklich beeindruckend. Dank einer Videokamera, die das Innenleben des Flügels filmt, ist zu sehen, was Hauschka da macht. Da liegen Rasseln, Kronkorken, Stäbchen, Ebows und Ketten im Flügel und verfremden so den Sound, dass man gar nicht darauf käme, dass das was zu hören ist auf einem klassischen Flügel vorgetragen wird. Auch ein Beutel voller Ping-Pong-Bälle wird im Flügel entleert. Witzig anzusehen und interessant anzuhören. Hauschka muss man live gesehen haben.

Kurz nach 21 Uhr sorgen dann Hidden Orchestra für Stimmung mit ihrem Set bestehend aus zwei Drummern, einem Gitarristen und einer Dame an Elektronik und Violine. Sehr beatlastig und gut gelaunt triphoppen sich die vier Briten durch ihre Stunde Swingfest und besonders Poppy sieht mit ihren Moves hinter der Elektronik aus wie eine hippe DJane in einer angesagten Disco. Ich hab da keinen Bock drauf, denn ich möchte mich seelisch auf Sunn o))) vorbereiten, die ganz sicher nicht gut gelaunt sein werden.

Nach Hidden Orchestra müssen alle Gäste den Saal verlassen, damit Sunn o))) die Bühne umbauen können, um ihren Soundcheck zu machen. Also eher um auszuloten, wie laut sie maximal spielen können, ohne dass die Trommelfelle der Swingfestgemeinschaft zerstört werden.

hidden orchestra @ denovali swingfest 2011

Eigentlich sollten Sunn o))) um 22 Uhr spielen, aber das ist der Zeitpunkt, als der Saal für den Soundcheck geräumt wird. Um Mitternacht dürfen wir dann alle wieder rein. Der Saal steht im Nebel. Sehr schwaches blaues Licht lässt die Amptürme auf der Bühne erahnen. Das Konzert beginnt mit einem typischen Greg Anderson und Stephen O´Malley Droneduell. Im Hintergrund ist noch eine Gestalt an einem Moog Rogue (keine Ahnung wer das war). Natürlich alle in Kutten. Die Arme heben sich bedrohlich im Nebel, um dann in imposanten Posen gen Gitarrensaiten versenkt zu werden. Es dröhnt, es dröhnt laut, gesundheitlich bedenklich laut, aber das muss so sein bei Sunn o))), denn sie wollen eher gespürt als gehört werden. Das ganze Gedröhne dauert eine Stunde, bis dann überraschend Attila Csihar auftaucht und in einem leiseren Gedröhne seine Drone-Predigt in akzentreichem Englisch und mit verschiedenen Stimmen vorträgt. Währenddessen verschwinden Greg und Stephen und kommen eine halbe Stunde später wieder, um Attilas Predigt zu beenden und nochmal eine halbe Stunde noch lauter als am Anfang zu spielen. Zwei Stunden Drone-Oper als großes Finale für das diesjährige Denovali Swingfest. Das geht nach drei Tagen Festival, wo man fast gar nichs verpassen wollte, verdammt in die Knochen. Respekt vor allen, die bis zum Ende durchgehalten haben.

Fazit zum Sonntag: Tim Heckers Sounds haben eine so starke Wirkung gezeigt, körperlich und seelisch, dass der Kanadier mein Highlight des Tages ist. Da müssen sich Sunn o))) leider mit dem zweiten Platz begnügen. Aber ganz knapp.

after sunn o))) @ denovali swingfest 2011

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2 Responses to “LIVEBERICHT: DER SONNTAG VOM DENOVALI SWINGFEST 2011”

  1. Anonymous Says:

    […] […]

  2. Marcel Says:

    Schöne Zusammenfassungen zu diesen außergewöhnlich tollen drei Tagen beim Denovali Swingfest!

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