LIVETAGEBUCH: MAMIFFER

Posted in ontheroad on April 22nd, 2011 by D.K.

Mamiffer sind auf Tour, das ist gut , Mamiffer sind auf Europatour, das ist sehr gut, Mamiffer kommen zwei Mal nach NRW, das ist genial.

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Erstes Mamiffer Konzert für uns ist das Konzert im Duisburger Steinbruch. Mamiffer spielen als Support für Black Math Horseman, dem Stoner Doom Quintett. Schon das Bühnenbild ist bezeichnend. Links ein Roland Keyboard mit Klavierhocker, es folgen nach rechts diverse Amps, das riesig wirkende Drumset, in der Mitte der Bühne ein weiterer Klavierhocker, der vor einer Reihe von Effektgeräten platziert ist, und auf der rechten Seite ein Koffer voller Gerümpel, Trödel und Schrott.

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Die Band betritt die Bühne. Faith Coloccia an den Tasten, Caleb Collins und Tyler Semrick-Palmateer (von der leider nicht mehr musizierenden Hydra Head Band Mare) am Bass und den Drums, Aaron Turner an der Gitarre und den Effekten und Travis Rommeriem bezieht Stellung vor dem ominösen Koffer voller Krempel. Dieser Koffer eröffnet auch das Konzert. Rommeriem kratzt, streicht, klopft und bewegt diverseste  Gegenstände, die er aus dem Koffer zaubert, und erzeugt somit eine Art Live-Field-Recordings, das Klavier (bzw. der Klaviersound aus dem Roland) setzt ein, es folgt die Gitarre. „Iron Water“, der Albumabschluss heute als Opener. Schnell wird klar, dass diese Band ihre Musik lebt. Die Musiker sind aufeinander eingespielt, Faith’s Klavier ist der musikalische Mittelpunkt, an dem sich alle orientieren, gemeinsame Einsätze übernimmt Aaron mit Zählen durch Headbangen. Die Musiker fühlen die Musik, schließen ganz oft die Augen zum Spielen. Alles ist in rotes Licht getaucht. Im Mittelpunkt des Sets steht das neue Album „Mare Decendrii“, das live weniger orchestral, sondern wuchtiger und rauer klingt. Ein gemeinsamer Acapellapart schließt die überzeugende Mamifferpräsentation ab.

Das zweite Mamiffer Konzert steht in Köln an. Schauplatz ist das MTC mitten auf der Zülpicherstraße. Halbe Stunde Parkplatz suchen, volle Straßen, Stress. Dann untertauchen ins MTC, wörtlich, denn es geht eine Treppe runter in einen Keller und der Lärm des abendlichen Kölns erlischt im Sound des MTC. Es läuft ein Mixtape von Aaron Turner, genau wie in Duisburg.

house of low culture

Mamiffer sind heute Headliner. Doch vorab beginnt der Abend mit einem Liveset von House Of Low Culture, dem langjährigen Aaron Turner Projekt, mit ständig wechselnden Kollaboratoren, heute ist es seine Frau Faith Coloccia. Aaron Turner nimmt Platz auf einem Hocker mitten auf der Bühne. Faith setzt sich an den linken Bühnenrand und greift zur Gitarre. Zwei Volumenpedale, ein Loopeffektgerät, ein Modulator und ein Mikro liegen direkt vor Aarons Füßen, der Rest der Effektgeräte ist daneben aufgebaut. Das Set beginnt mit einem fast ohrenbetäubenden hohen Geräusch, das Aaron mit Hilfe von Effekten und einem an einen Verstärker gehaltenen Mikro erzeugt. „Perverted Scripture“ heißt das Stück, das auch auf der Tour-Cassette von Mamiffer und HOLC vertreten ist. Schnell ist klar, dass es Aaron heute nicht um Harmonien geht. Die Gitarre von Aaron dient nur kurz als Instrument für Akkorde, die meiste Zeit dient sie als Grundlage für ein noisiges Gedröhne, das sich durch den ganzen Körper, durch das ganze MTC erstreckt. Immer wieder Noiseausbrüche, Faith legt dezente Akzente mit abstrakten Gitarrenflächen, Aaron greift zum Mikro und untermalt den Sound mit hallendem Gebrülle. Nach einer Viertelstunde dann der Höhepunkt des Sets an einem Punkt, wo alle erzeugten Sounds zusammenfließen, Aaron auf dem Boden hockt, ins Mikro brüllt, sich über die Effekte beugt, er zittert für kurze Momente am ganzen Körper. Aaron lebt und fühlt seine Musik. Gänsehautmomente. Was House Of Low Culture an diesem Abend machen, gleicht der Arbeit eines Steinbildhauers. Während andere Steine nehmen um Häuser zu bauen, erschafft der Steinbildhauer Skulpturen aus eben diesem Stein. So präsentieren auch HOLC keinen Song durch klassisches Spielen von Instrumenten, sondern erschaffen mit Hilfe der Instrumente Klangskulpturen. Live ein echtes Erlebnis.

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Dann steht der Auftritt von Mamiffer an. Das Bühnenbild gleicht fast dem in Duisburg. Einziger Unterschied ist, dass das Drumset diesmal am rechten Bühnenrand positioniert ist. Mamiffer spielen das gleiche Set, sind ausgelassen und lassen sich auch nicht vom Gegröle eines besoffenen Gastes irritieren. Während des Sets treffen sich die Blicke von Faith und Aaron, was beide zu einem fetten Grinsen verleitet. Die restliche Zeit sind die Musiker im Mamifferuniversum versunken und bieten den wenigen Gästen, die an diesem Abend ins MTC gefunden haben, eine unvergessliche Stunde.
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MAMIFFER – MARE DECENDRII

Posted in ontheroad, Release on April 10th, 2011 by D.K.

mamiffer

Mamiffer haben diesen Monat ihr zweites Album “Mare Decendrii” über Conspiracy Records veröffentlicht und unterstreichen nach ihrem ersten Full-Length Album “Hirror Enniffer”, dass sie eine außergewöhnliche Band mit ausgefallenen Ideen sind. Treibende Kraft hinter Mamiffer ist Faith Coloccia (Everlovely Lightningheart), die zusammen mit diversen Kollaborateuren schon seit einigen Jahren Songs schreibt und in eher kleineren Pressungen veröffentlicht. Mit der Veröffentlichung von “Hirror Enniffer” über Hydra Head Records wurde dann glücklicherweise eine größere Hörerschaft erreicht. Nun steht “Mare Decendrii” in den Plattenläden und bietet dem interessierten Hörer eine Reise durch die Welt experimenteller Musikrichtungen aus aller Welt mit einer großen Bandbreite an Instrumenten. Kernstück der Songs ist das klassisch gespielte Klavier von Faith Coloccia, das hauptsächlich von schweren Gitarrendrones von Aaron Turner (Isis) begleitet wird. Um dieses Basisgerüst bauen sich dann die bis zu 20 Minuten langen Songs zu epischen Akten auf, in denen Drone, Klassik, Weltmusik und irgendwie auch Progrock zusammenfinden. Das Ergebnis ist ein individueller Sound, der seinesgleichen sucht.

Während das erste Album eher klassischen Songstrukturen mit wiederkehrenden Melodien gefolgt ist, setzt “Mare Decendrii” zwar genau da an, ist aber im großen Ganzen viel experimenteller und offener für Improvisationen. Der Opener “As Freedom Rings” lässt sich zu Beginn Zeit und baut sich innerhalb der ersten vier Minuten von einem Ambientstück zu einem 14minütigen Epos auf, genau da setzt auch das 20minütige “We Speak In The Dark” an. Untermalt von Streicherarrangements von Eyvind Kang und bereichert durch verschiedenste fremdsprachige Vocals wie die von Mika Rättö und Parvaneh Daneshvar. Das minimalistische “Blanket Of Ash” als kleine Verschnaufpause an dritter Stelle. “Eating Our Bodies” ist das direkteste Stück des Albums und setzt einen Stimmungshöhepunkt, um zum Ende hin mit einem ruigen Pianopart auszuklingen. Abschluss ist “Iron Water”, das aufbauend auf eine Klaviermelodie, zusammen mit dezentem Percussioneinsatz, einem düsterem Cellogebrumme und rauher Gitarre wie ein Mantra vor sich hin fliesst bis die Instrumente ausklingen und einem gruseligem weiblichen Gesang den Vorrang lassen. Ein undeutlicher, seuseliger Gesang, der im Hall verstummt und das Album nach gut einer Stunde enden lässt. Gänsehaut garantiert.

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Ein Jahr haben die Aufnahmen gedauert, deren Regie Randall Dunn übernommen hat, und einige weitere Monate, bis “Mare Decendrii” veröffentlicht wurde. Wer sich das Album anhört, wird sehr schnell feststellen, wieviel Arbeit investiert wurde, um dem Hörer eine Inszenierung zu bieten, wie man sie beispielsweise von den ganz frühen Genesis oder King Crimson gewohnt war, ohne nach den eben genannten Herrschaften zu klingen.

Mamiffer sind zurzeit auf  Tour, um ihr neues Album zu präsentieren. Derzeitiges Live-Lineup sind Faith Coloccia, Aaron Turner, Travis Rommeriem und die beiden Ex-Mare Bandmitglieder Caleb Collins and Tyler Semrick-Palmateer. Die Tourdaten findet ihr auf unserer ONTHEROAD Seite.

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