RETO MÄDER – EINE RET(R)OSPEKTIVE

Posted in Release on November 1st, 2012 by N

An der ein oder anderen Stelle haben wir euch bereits einige Werke von Reto Mäder vorgestellt. Trotzdem ist es an der Zeit, diesen Ausnahmekünstler mal im Gesamtbild zu betrachten. Dieser Aufgabe hat sich N angenommen:

Für Horrorfilme und ihre Herkunft (Dreh- und/oder Spielort) gibt es anscheinend auch so etwas wie „ihre Zeit“… Hatte die USA, was Horrorfilme betrifft, lange die Hauptrolle, wurde vor Jahren Japan immer aktiver plus die ebenfalls immer beliebtere Sonderform „arglose US-Touristen werden in Osteuropa zu Opfern“. Und dazwischen, zunächst unbemerkt, aber stetig wachsend in Film und Buch: Horrorstories, die in Bayern, Österreich und der Schweiz spielen. Und dabei ganz selbstverständlich die ganze Palette von „lost außerhalb zivilisatorischer Zusammenhänge“, geheimnisvoll skurrilen, abweisenden Einheimischen, fehlender Unterstützung durch Obrigkeiten (weil die mit den Monstern unter einer Decke stecken) und und und durchspielen können (ganz Vergleichbares gilt denn auch für die spanische Sektion des Genres; übrigens). Und ähnlich wie bei den in bestimmten Gegenden anderer Länder (es sind nämlich fast immer „bestimmte Gegenden“) spielenden Filmen ist es auch bei diesen Filmen, die in Bayern, Österreich und der Schweiz verortet sind, besonders das Zusammentreffen mit den merkwürdigen Bewohnern, das den Beginn allen Unheils markiert; den Twist von „alles wie immer“ in Richtung „das kann doch nicht sein“ (was „es“ dann aber immer wieder doch ist…).

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Reto Mäder kommt aus der Schweiz; aus diesem Land, das im Blick des Besuchers oft so clean aussieht, dass genau diese Tatsache viel mehr Gänsehaut erzeugt, als irgendeine einsame Alpenpassage. Dazu eine Sprache, die sich trotz der Kleinheit des Landes nicht auf eine gemeinsame einigen will… Es bleibt eigentlich nur eine Schlussfolgerung: das alles sind Masken, die den düsteren Kern bemänteln sollen; Narretei, die Teufelsaustreibung vorspiegelt, in Wahrheit aber Teufelsanbetung ist. Und ein nicht geringer Teil der bisherigen Veröffentlichungen der unterschiedlichen Projekte von Reto Mäder ist dann auch auf Utech aus den USA erschienen, einem Label, dessen Ausrichtung genau dieser Art düsterer Rituale zugeneigt ist, teils in Kooperation mit Hinterzimmer Records aus der Schweiz (und man mag es glauben oder nicht: das „Amt für Kultur / Erziehungsdirektion des Kantons Bern” hat unterstützt… wenn dies nicht genug Beweis ist für die sinistre Durchdringung dieses Landes).
Diese dunkle Seite der Schweiz scheint durchzogen von einem ganzen Geflecht aus Projekten, Kollaborationen, Bands und Pseudonymen hinter denen, am Ende, stets Reto Mäder steckt; als der, der die Fäden zieht, Richtung und Atmosphäre bestimmt. Und zwar scheinbar so ausdrücklich, dass alle diese Projekte in ihrer Soundästhetik sehr starke Verbindungen haben; so, als ob Klang in der Vision von Reto Mäder immer in einer Farbe zwischen schwarz, tiefgrau und ganz leicht bräunlich stattfinden muss, eine Art tongewordenes Bitumen (ohne deshalb immer und in jedem Fall zähflüsig sein zu müssen). Mit einer Korrosion in bestimmten Frequenzbereichen, die wie eine nur ganz leicht spürbare, dämpfende Schicht alles umhüllt… Eine Ästhetik, die auch die Covergestaltung beherrscht, die bei aller Düsternis interessanterweise auf eine Verschmelzung von abstrakt und figürlich setzt, fast wie Filmstills…
Die Mitstreiter all dieser Projekte sind dabei übrigens im Laufe der Zeit veränderlich, die Konstante bleibt allein der Clanchef…

Reto_Maeder_Ural_Umbo_Debut.jpgDa ist z.B. Ural Umbo (auch: Vral Vmbo), das Projekt mit Steven Hess aus den USA: „Ural Umbo“, die Debüt CD, beginnt mit einem sehr harmonischen, warmen Bläserstück, das an einem durchgehenden Beckeneinsatz gerieben wird; Stück #2, „Theme Of The Paranormal Feedback“, führt diese Stimmung mit leicht veränderten musikalischen Mitteln weiter; mit einem Einsatz von Perkussion, der jede Rhythmik meidet und statt dessen Anmerkungen in die Flächenentwicklung schreibt. „Förlåta Jag“ ist fast so etwas wie ein Zwischenspiel, eine konkretere (und tatsächlich durch Schlagzeug begleitete) Variante der #1, „The Light Would Stop Flickering“, das die Hörer in die brodelnde Feedbackfläche von „Voices From The Room Below“ schickt, dessen eingebettete Melodien tatsächlich von irgendwoher anders, wie durch Wände gefiltert zu kommen scheinen. Diese eigentümliche Atmosphäre, erzeugt durch fast undefinierbare Klangflächen und ganz konkret erkennbare Instrumente, bestimmt auch die weiteren fünf Stücke; zusammen mit dem irgendwie körnigen Gesamtsound ein wirklich eigenständiger Ansatz für Experimental / Drone, der zwar in manchen Stücken mit denen der alten englischen Drone-Possée vergleichbar scheint, durch Sound und Arrangement aber stets seinen sehr eigenen Twist hinkriegt. Die CD-Verpackung mit Transparentpapiertasche und Auflieger aus ebensolchen Papier über (Utech-Style) Pappfolder natürlich höchst ästhetisch… sofern die auffallende Häufung von nackter Haut bei Ural Umbo Covern nicht übelgenommen wird…

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Auf dem Nachfolger „Fog Tapes“ dann ein verhalltes Universum aus wiederum undefinierbaren Sounds, Drones zwischen filigran und drückend, Fieldrecordings und abstrahiertem Black-Metal; ein ebenso verstörendes wie anziehendes Werk, das noch deutlich düsterer ausfällt als das Debüt.

„Latent Defects“, auch ein Nachfolgerelease, basiert als Tape-VÖ auf Material des Debüts, ohne dabei in irgendeiner Weise Remix zu sein oder sein zu wollen. Wer ein geeignetes Abspielgerät hat, kann sechs weitere Lektionen aus der Sicht von Ural Umbo kennenlernen; Soundverschiebungen und -schichtungen, Flächen aus Perkussion (die als solche nicht erkennbar wird…) etc.

Reto_Maeder_Ural_Umbo_Delusion_Of_Hope.jpg„Delusion Of Hope“. Der Titel beschreibt diese Ural Umbo gut… ein Eintauchen in tiefe, schwarze Landschaften, wo selbst in den Momenten, in denen nur gespinstdünne Fäden gezogen werden, die ungezähmte (und unkontrollierbare?) schwarze Seite ohne jeden Versuch der Abschwächung aufgedeckt wird. Maximum düster. Möglicherweise die Ural Umbo, die, die „richtige“ (Ein)Stimmung vorausgesetzt, fast schon Angst machen kann (z.B. bei „Resinous Compound“ mit seinen Kinderstimmen…) Dieses Stück in einem Horrorfilm wäre definitiv eine andere Liga als die Filmmusiken, die dort schon schablonenhaft immer wieder eingesetzt werden. Die LP kommt mit zusätzlicher CD mit gleicher Tracklist; aufgrund des anderen Masterings (?) klingt es aber tatsächlich wie eine eigene Alternative. In manchen Bereichen übrigens nah an Steven Hess’ sonstigem Spielfeld Locrian…

Reto_Maeder_Sum_Of_R_Debuet.jpgSum Of R, ein weiteres Kollaborationsprojekt, gestartet in Triobesetzung mit der selbstbetitelten CD auf Utech; ein Drone-Mahlstrom, fast düsterer als Ural Umbo, flächiger, aber zwischendurch auch mit tief eingebetteten Pulsen; beschwörend. Wiederum sind viele Soundquellen nicht wirklich identifizierbar, geben Hinweise, aber treten zugunsten der Gesamtwirkung zurück. Erkennbar im Ohr bleiben Orgeln und auch stark in den Hintergrund gemischte (Proto-Black-Metal) Gitarren. Dieses erste Album von Sum Of R scheint dadurch wie ein alternativer Entwurf zu Ural Umbo; das kompositorische Ziel vergleichbar, Mittel und Besetzung eigenständig. Als musikalisches Vehikel ist Sum Of R aber anscheinend sehr frei angelegt (oder die Umstände haben dazu geführt): schon live war Sum Of R zuletzt ein Duo aus Reto Mäder und (neu dabei) Julia Wolf an der Gitarre; der Sound wesentlich konkreter, die Kompositionen bewegter, loopbasiert, durch Schlagzeug angetrieben und von der heavy Gitarre in ganz andere Gefilde geschoben. Das in Kürze beim italienischen Label „Storm As He Walks“ erscheinende zweite Album „Ride Out The Waves“ wird sich dadurch ganz erheblich vom Debüt unterscheiden.

Reto_Maeder_Pendulum_Nisum.jpgPendulum Nisum ist die derzeit neueste Kollaborationsplattform von Reto Mäder; hier zusammen mit Mike Reber. Pendulum Nisum ist ein weiteres Mal ganz im dunkel verschrobenen Soundkosmos verankert, den auch die anderen Projekte von Reto Mäder bewohnen. Die Eigenständigkeit entsteht durch den starken Einsatz von Fieldrecordings (Mike Reber) und einer trotz Elektronik etc. fast analog wirkenden Ästhetik, die Pendulum Nisum weniger drückend, statt dessen offener und fragiler erscheinen lässt. Das ganze in Hallkavernen mariniert und mit Drones versetzt. Wem Ural Umbo gefällt, der sollte hier ebenso wenig zögern.

Reto_Maeder_RM74_Reflex.jpgRM74 „Reflex“: hinter der kryptischen Abkürzung verbirgt sich Reto Mäder solo (und möglicherweise auch ein Hinweis auf sein Geburtsjahr, falls das für jemanden wichtig sein sollte) und die in einem Zeitraum von 3 Jahren entstandene „Reflex“ transportiert mit ihrem Fledermaus close-up auf dem Cover genau wie die „Delusion Of Hope“ von Ural Umbo mit ihrem Titel schon die Botschaft hinsichtlich der zu erwartenden Musik: auch solo herrscht eine Düsternis, die sich in ihrem eigenen Dreck wälzt, es dabei aber immer schafft, bekannte Klischeefallen auszulassen. Das Cover wie bei Sum Of R’s Debüt in einem Vollpappe-Digipack, das ebenso eigene Schönheit besitzt wie die Musik.

Und vielleicht kann der letzte Halbsatz oben für den Einen oder die Andere Anregung genug sein, sich mit dieser Seite der Schweiz zu beschäftigen. Es lohnt sich, auch wenn die Musik von und mit Reto Mäder sich selbst nicht so ohne weiteres auf dem Silbertablett des einfachen Hörens präsentiert, wie das bei vergleichbarer Musik manchmal eher der Fall ist.

Mehr zu Reto Mäder…

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SUM OF R IM RUHRPOTT

Posted in ontheroad on June 2nd, 2012 by D.K.

Sum Of R aus der Schweiz haben sich letzten Samstag auf dem Weg von Bern nach Bochum gemacht, um im Rahmen unseres Experimental Evenings als Headliner in der Christuskirche Bochum zu spielen. Kopf der Band ist Reto Mäder, den wir euch schon mit seinen anderen Projekten Ural Umbo und Pendulum Nisum vorgestellt haben. Zweite Hälfte des aktuellen Sum Of R Lineups ist die Gitarristin Julia Wolf.

reto mäder (sum of r) @ christuskiche bochum

Die beiden Musiker bauen ihr Set direkt vor dem Altarsockel auf, das aus einem kleinen Drumset, alten Amps, Effektgeräten und natürlich der Gitarre von Julia und dem Bass von Reto besteht. Die ersten Probetöne im Kirchenraum zeigen, wie druckvoll das neue Set ist, das sich komplett von den bisherigen Veröffentlichungen auf Utech und Hinterzimmer Records unterscheidet. Es ist warm draußen, es ist Pfingstferienzeit und im Fernsehen läuft der größte Gesangswettbewerb der Welt. In der Christuskirche Bochum eröffnet Clem Leek den Abend mit einem klassischen Set am Flügel, Simon Scott als zweiter Headliner des Abends legt eine Fläche aus Field Recordings und Drones im Kirchenraum aus und dann folgen Sum Of R.

julia wolf (sum of r) @ christuskiche bochum

Reto sitzt vor seinen Effekten, spielt ein Thema auf den hohen Saiten seines Basses ein, loopt das Ganze, steht auf und setzt sich an sein Drumset und die Magie von Sum Of R nimmt ihren Lauf. Reto und Julia bauen einen rhythmisch druckvollen Song auf Basis der Bassmelodie auf und tauchen den Kirchenraum in ihren hypnotischen Doomsound ein. Die Drums hallen im Raum nach, die Gitarre flirrt von der einen Seite des Raums auf die andere. Die Spielweise der Band gleicht live einem Ritual. Am Anfang ist immer der Bass, der die Grundlage legt und geloopt wird und dann mit Drums und energetischen Giatrrenklängen untermalt wird. Ein Ritual, das von den Gästen entweder mit rhythmischen Nicken oder voller Konzentration verfolgt wird. Zum Schluß wird es noisig laut und die Drums und die Gitarre preschen durch alle Ecken des Kirchenraums in die Hörgänge. Das Licht geht aus, es ist düster, es ist bedrohlich, man ist der Gewalt der Musik ausgestzt. Der Kirchenraum, die Geborgenheit der Kirche scheint verloren… dann verstummt die Musik, das Licht geht an, das Set ist vorbei, Sum Of R verbeugen sich. Wir sind zurück in der Realität.

sum of r @ fzw dortmund

Sonntag reisen Sum Of R in die Nachbarschaft nach Dortmund. Sie sind kurzfristig als Support für Wolves In The Throne Room gebucht worden. Aus der Kirche geht es also in den Club des FZW. WITTR ziehen allein wegen ihres finalen Albums eine Menge Leute nach Dortmund und so ist der Club gut gefüllt. Sum Of R haben sich mittig direkt am Bühnenrand aufgebaut. Ein ganz kleiner Kreis Interessierter bildet sich mit kleinem Abstand zur Bühne, als die beiden das Set beginnen. Der Bass bohrt sich durch die Bühne in den Raum, die Gitarre klingt rauh und leicht hallend verzerrt, wie es ja Black Metal Fans gefallen dürfte. Spätestens nachdem Reto den Regler seines Basses runtergedreht, den Ausschalter betätigt, seinen Bass abgestellt und sich an die Drums gesetzt hat, um dem Sound eine Wucht von Rhythmus zu verpassen, haben Sum Of R einige neue Freunde im Publikum. Der Kreis vor der Bühne wird immer größer und das Gequatsche im Hintergrund lässt nach, was aber auch egal ist, weil Sum Of R so laut spielen, dass kein anderer Sound Platz findet im Ohr. Je länger Reto und Julia spielen, desto gewaltiger klingt das, was auf der Bühne passiert. Mittlerweile haben sich auch vier Langhaarige vor der Bühne gefunden, die gemeinsam zum Sound of Sum Of R die Haare tanzen lassen. Sum Of R verbeugen sich…

Zwei überzeugende Abende mit Sum Of R, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und nur fürs Protokoll: das Set war an beiden Abenden identisch.

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EXPERIMENTAL EVENING V

Posted in Aktuell, ontheroad on May 1st, 2012 by D.K.

LINE-UP ÄNDERUNG:
Krankheitsbedingt müssen [BOLT] ihren Auftritt leider absagen. Der Abend wird am Samstag von Clem Leek aus Engalnd eröffnet.

Experimental Evening V @Christuskirche Bochum 26 Mai 2012

Bevor die Sonne ganz durch die Wolkendecke bricht und Sommerlaune verbreitet, möchten wir euch einen Konzertabend präsentieren, der euch in düstere und melancholische Klangwelten entführt, die unter die Haut gehen. Der “Experimental Evening V” konzentriert sich diesmal ganz auf den europäischen Kontinent und zieht einen Bogen von England über Deutschland bis in die Schweiz, denn am 26. Mai erwarten euch Sum Of R aus der Schweiz, Simon Scott aus England und [Bolt] aus Deutschland in der Christuskirche Bochum.

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Sum Of R aus Bern, das sind live Reto Mäder (Ural Umbo) und Julia Wolf. Wer die anderen Bands von Reto Mäder kennt, zu denen Ural Umbo, Pendulum Nisum oder RM 74 gehören, der kann sich schon irgendwie vorstellen, was einen erwartet. Dem Rest sei gesagt, dass hier ein Blick in die Weiten von Ambient, Drone, Noise und Doom gewährt wird. Bei Sum Of R geht es nicht um oberflächliches Songschreiben, sondern um die Tiefenwirkung der einzelnen Sounds, die hier zusammengetragen werden. Bisher ist eine EP auf Hinterzimmer Records erschienen, die schon lange ausverkauft ist, und das selbstbetitelte Debütalbum, das über Utech Records in Amerika veröffentlicht wurde. Bass, Gitarre, Drums und eine Vielzahl anderer Soundquellen bringen noisige Dronesongs hervor, die immer mit einer Melodie (mal eindeutig, mal subtil) gepaart den Hörer einnehmen. Für das Konzert in der Kirche haben sich Sum Of R ein spezielles Set ausgedacht, das mit dem “Schwergewicht auf Kontrasten von ganz leisen, choralen Songs bis zu extrem schweren, schleppenden Stücken”(Reto Mäder) auf euch wartet.

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Simon Scott aus Cambridge macht nach seiner Definition “Electroacoustic Soundscape Compositions” und das ist auch eine treffende Beschreibung für diesen Ambientkünstler, der zuletzt sein Album “Bunny” über Miasmah Records veröffentlicht hat. Sein Interesse gilt dem musikalischen Zusammenspiel von Natur und Technik, Field Recordings und Studioaufnahmen, Geräuschen und Gitarre. Für sein neues Album “Below Sea Level”, das Ende Mai über 12k Records erscheint, hat er sich mit selbstgebauten Aufnahmegeräten in die sogenannten Fenlands nördlich von Cambridge begeben. Ein Sumpfgebiet oder Niedermoor, das unterhalb des Meeresspiegels liegt und nur von Natur bewohnt ist. Der perfekte Ort für Field Recordings. Zurück im Studio hat Simon Scott sieben Stücke geschrieben, die den Field Recordings viel Raum geben und mit subtilen Gitarrensounds und Elektronik erweitert werden. Das ganze Projekt ist in Form eines Buches festgehalten worden, das mit dem Album erscheint. Darin enthalten sind Texte, Skizzen und Fotos, die auch für die Liveshow als Projektionen verwendet werden. Wer da nicht neugierig wird…

Update: Für den einzigen Deutschlandtermin seiner aktuellen Tour, hat Simon Scott ein spezielles Set vorbereitet und wird von  Clem Leek begleitet.

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Clem Leek ist ebenfalls ein britischer Musiker und spingt an diesem Abend für [BOLT] ein. Die Musik von Clem Leek lässt sich am besten als minimalistisches Ohrkino bezeichnen. Egal ob er sich ans Klavier setzt, zur Gitarre greift oder mit Field Recordings experimentiert, es klingt immer minimalistisch auf den Punkt gebracht. Clem Leek führt den Hörer sowohl durch moderne klassische Stücke, als auch durch Ambientlandschaften. Eine Klangfusion, wie gemacht für einen Kirchenraum.

Samstag, 26. Mai 2012
Christuskirche Bochum
Einlass: 19:00 Uhr
Beginn: 20:00 Uhr
Tickets:  hier und an der Abendkasse

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PENDULUM NISUM

Posted in Release on November 19th, 2011 by D.K.

Pendulum Nisum nennt sich das Schweizer Duo, das aus Reto Mäder (Ural Umbo) und Mike Reber (Herpes Ö DeLuxe) besteht und auf seinem selbstbetitelten Debüt seine unter die Haut gehende Fusion aus Instrumenten und Field Recordings präsentiert.

PENDULUM NISUM

Den ersten Eindruck vom Album vermittelt das Cover mit einer Photographie von Reto Camenisch, auf der eine im Nebel liegende Felswand zu sehen ist. Nach dem ersten Hörgang setzt das Album dem Hörer eine Art Soundtrack zu diesem Bild in den Sinn. Der Hörer, der Betrachter, der Protagonist, der auf diese Felswand blickt, befindet sich in meinem sinnbildlichen Film in einer Hütte auf dem gegenüberliegenden Felsplateau. Der Einstieg mit “Advance Warning” mit Unwettergeräuschen und (echtem) Wolfsgeheule lässt schon mal eindeutig durchblicken, dass der Aufenthalt in der Hütte kein gemütlicher ist. Drones legen sich über alles und schleichen in das Unterbewusstsein des Hörers. “In A Slow Spiral Up” beginnt mit Hörnern, fast schon so wie ein Aufruf, den neu angebrochenen Tag dort oben auf dem Felsen positiv zu nutzen, doch nur um dann die Stimmung wieder zu kippen und in “The Sacred Temple Behind The Light” dem Protagonisten wieder mit eindringlichen Tastengeklimper und Ambientgetöse das Fürchten beizubringen. “Second Deluge” beendet das Spiel auf der A Seite mit einem orgelähnlichen Soundteppich und weiteren verstörenden Klängen, die sich immer weiter steigern und ineinander übergehen.

PENDULUM_NISUM_2011

Der Film ist noch lange nicht zu Ende, denn auf der B Seite wird die Geschichte weitererzählt. “Infernal Council” lässt Klaviertöne wie aus einer Höhle rumoren, es gesellen sich noisige Sounds dazu, dann sowas wie weiblicher Gesang (der aber in den Credits nicht auftaucht). Mittlerweile scheint die Felswand komplett von Nebel umgeben zu sein und der Protagonist in der Hütte halluziniert vor lauter Einsamkeit wohl schon. “The Aesthetics Of Imperfection” fängt elektronisch an und wird umrahmt von Gepfeife und Geklirre von Geschirr (?). Versucht der einsame Mensch in der Hütte sich zu beschäftigen und gute Laune zu verbreiten? Es bleibt wohl beim Versuch, denn der Song endet mit einem Donnerschlag. Ein wummernder Dronesound in “Without A Contract” wird mit Fliegengesumme gepaart. So viele Fliegen an einer Stelle können nichts Gutes bedeuten. Der Track entfaltet sich mit noisigen Sounds, verzerrten Stimmen und noch intensiverem Gedröhne. Verstörend schön. “Secret Mystic Rites” mit seinen helleren Tönen klingt fast schon wieder positiv, dann eine schnellsprechende Stimme wie über Funk und Glockenschläge. Hat man die Person in der Hütte gefunden und meldet das über Funk? Lebt die Person noch?

Hört euch die Platte selbst an und macht euch euer eigenes Kopfkino.

Das Debüt von Pendulum Nisum ist auf dem Schweizer Label Hinterzimmer Records erschienen und ausschließlich auf Vinyl über den Shop des Labels oder in Deutschland über A-Musik erhältlich.

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URAL UMBO

Posted in Release on October 16th, 2011 by D.K.

Ural Umbo nennt sich das Duo, das sich aus dem Schweizer Reto Mäder (RM74, Sum of R) und dem Amerikaner Steven Hess (mittlerweile fester Bestandteil der Studiobesetzung von Locrian) zusammensetzt. Mäders Hauptinstrument ist der Bass, Hess konzentriert sich auf Percussion und Drums, und um dieses Konstrukt von Rhythmusinstrumenten paaren sich Field Recordings, Synthiesounds und andere Klangobjekte. Das Ergebnis ist eine Klangwand aus Drone, Doom, Ambient mit starker Improvisations- und Experimentierfreude.

Das amerikanische Feinkostlabel für experimentelle Sounds Utech Records hat das Debüt und ein Tape veröffentlicht und legt jetzt, nach einem Abstecher der Band, deren Zweitwerk „Fog Tapes“ das bei Hinterzimmer Records erschienen ist, das dritte Album „Delusion Of Hope“ nach.

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„Delusion Of Hope“ ist der perfekte Titel für dieses Album, das wirklich nicht im Geringsten Hoffnung für positive Gemütszustände aufkommen lässt. Schon der Opener “Initial Magnetization Curve” rollt eine derbe verzerrte Dronewalze aus, die mit einer Art Gongsound untermalt sich immer weiter ausweitet und den ganzen Raum, in dem die Musik gehört wird, überflutet, bis dann kurz vor der Neun-Minuten-Grenze die Erlösung zu kommen scheint. Erlösung folgt aber nicht, denn wo der Opener vom Bassdrone dominiert wird, gibt nun in “Sych” ein fies übersteuernder Drumsound den Ton an. Knappe zwei Minuten reizen die Drums die Lautsprecherkapazität aus, genial. “This Dead and Fabled Waste” nimmt dann erstmalig etwas Dynamik raus und präsentiert sich mit düsteren O-Tönen, flirrenden surrenden Sounds und akzentuiertem Percussioneinsatz, so schließt auch “Evocative Luminance” mit ruhigeren Tönen das Hörerlebnis von Seite A ab.

Seite B setzt laut ein mit “Self Fulfilling Prophecy”. Ein wie von selbst vor sich herdröhnender verzerrter Bass, trockene Drums und Synthiesounds, die dem Doomgewand eine kosmische Note geben. “Resinous Compound” zeigt dann die Dark-Ambient-Seite von Ural Umbo und auch hier können die beiden Spannung aufbauen und halten. “So Here I Live, Sorry” gleitet mit einem Schleier aus fragilen Sounds vor sich hin, bis irgendwann ein marschierende Percussionwand immer lauter werdend in den Song einbricht und sich in ein Drumunwetter verwandelt. Der Abschluss mit “Thermal Layering” beginnt mit pumpenden Orgeltönen, die übereinander gelegt einen Dröhnteppich ergeben und mit Percussion und nichtdefinierbaren anderen Sounds den Hörer aus der Ural Umbo Welt entlassen.

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Im Gegensatz zu den beiden Vorgängeralben, die durchgehend eine bestimmte Stimmung verkörpert haben, entwickelt sich „Delusion Of Hope“ von einem dronigen pumpenden Ungetüm in ein entspannteres soundtrackartiges Klanggebilde, das aber nicht weniger dem düsteren Albumtitel entspricht. Eine kleine musikalische Horror-Thriller-Reise, die unter die Haut geht.

Das Album erscheint in einer 300er Auflage auschließlich auf Vinyl mit beiliegender CD-Version des Albums und kann direkt über Utech Records bestellt werden. Für das Coverartwork sind Fotos des deutschen Photographen Alexander Binder verwendet worden.

 

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