INDIGNANT SENILITY

Posted in Release on December 27th, 2011 by N

Die Büchse der Pandora. Es gibt bestimmt nicht zu viele Platten, die beim Hören fast Angst erzeugen können. Und es ist eigentlich auch schwer vorzustellen, wie eine solche Musik sein sollte, die eben das kann. Gerade die, die mit diesem Ziel antritt, ist ja oft nichts als eine mehr oder weniger offensichtliche Ode in Düsternis, basierend auf ebensolchen, bekannten Versatzstücken. Und löst gerade bei denen, die derartiges gewohnt sind, sowieso viel eher wohlige als ängstliche Schauer aus. Wohlfühlmusik, nur eben ein bisschen anders.

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Indignant Senility aka Pat Maherr ist da ein definitiv anderes Kaliber. Ich weis nicht, mit welcher Absicht Indignant Senility auf „Consecration Of The Whipstain“ angetreten ist oder ob es da überhaupt eine vorangestellte Absicht im gewohnten Sinne gab; was von der ersten Sekunde des Starts von „Waking Extirpation“ in hervorragender Masteringqualität aus den Rillen des qualitativ hervorragenden Vinyls quillt, ist so etwas wie der Gesang (nicht Geschrei, hier herrscht kein „Noise“) der Dämonen, die in immer engeren Kreisen um dein Versteck streichen; kalt und unbarmherzig in ihrer Konsequenz, wenn nicht noch schlimmer. Im Ernst, ich kann mich nicht erinnern, ein solches Unwesen aus Musik in dieser Eindrücklichkeit zuvor gehört zu haben. Wie genau Pat Maherr das zustande gebracht hat (irgendwo war zu lesen, dass alle Sounds direkt durch Gitarrenverstärker geschickt wurden; die raue, mittenbetonte Ästhetik spricht in jedem Fall dafür) ist dabei eigentlich völlig nebensächlich, wichtig ist allein dieses Pandämonium aus sich windenden, geradezu gequält schreienden Flächen; diese Musik und ein Film, der, ebenfalls ohne die bekannten Klischees, einen gleichermaßen visuellen Horror vermitteln könnte; diese Kombination wäre (mindestens knapp vor) tödlich (zumindest für die meisten unter uns…).
„Color Absolution“, das zweite der jeweils eine Seite langen Stücke dieses 4-Trackers, zieht sich ein wenig von der Rolle der offensiven Bedrohung zurück; in den inneren Bewegungen langsamer, lässt es auch (wenn auch nur im Vergleich zu dem Terror zuvor) „harmonischere“ Wendungen zu; als wenn der Vampir so etwas wie Mitgefühl zeigen würde, fast gegen seinen eigenen Willen… bis die Geräuschinterventionen wieder von einem Handeln zeugen, das sich (zum Glück!) seiner Identifizierbarkeit entzieht.
„No One (Elapsed)“ kontrolliert und konzentriert sich tatsächlich noch weiter, der Gesang der Dämonen wird einem einzigen von ihnen überlassen aber auch dieser weis die Möglichkeit zu schätzen, dir falsche Fährten vorzuspielen. „I Work For The Whip“: nach all dem nihilistischen Muskelspiel; ein Blick zurück? Der Dämon geht? Vielleicht sogar das. Die Warnung aber bleibt. Und wieder, wie schon drei mal zuvor, das beiläufige wie unverhoffte aus…

Braunrot, wie geronnenes Blut gefärbtes Vinyl in einem rotbraun geronnenen Cover… Auf der Rückseite der verschwommene Schatten eines Hakens… Musik für Zenobiten? Und: macht es einen Unterschied? Würde es das? In jedem Fall: Musik, die Dinge berührt, bei denen man(n und Frau) nicht sicher sein können, ob sie berührt werden sollten. Und deshalb eine Platte für den richtigen Moment… Wenn die Tür offen ist…

Auf Type Records erschienen.

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XELA

Posted in Release on December 11th, 2011 by D.K.

Xela ist J.P. Twells, Musiker und Mann hinter Type Records. Mit “Exorcism” steht nun sein letztes Album unter dem Alias Xela zum kostenloses Download bereit, was uns freut aber auch traurig stimmt.

Xela_Exorcism

“Exorcism” umfasst drei zusammenhängende Tracks, die Xela bereits zwischen 2008 und 2009 mit Hilfe von Field Recordings, Effektgeräten und einem Synthesizer aufgenommen hat. Die Field Recordings stammen aus einer alten gefluteten Kalksteinbergbaumine in seiner alten Heimat Walsall in England. Das Album steigert sich von teil zu Teil und so entwickelt sich aus einem Naturgeräuschekonstrukt eine Ambientlandschaft und aus ihr bricht dann eine Synthiemelodie, die sich immer weiter steigert, um dann am Ende wieder in Field Recordings aufzugehen. J.P. Twells treibt sich sein Alter Ego Xela aus und wir dürfen dabei sein, zum Glück.

Wem “Exorcism” gefällt, der sollte sich unbedingt das Alben-Tritychon anschaffen, das Xela über Dekorder Records auf Vinyl und über Digitalis Limited auf Tape veröffentlicht hat. Wo es beim aktuellen Album darum geht, etwas auszutreiben und die Assoziation eher negativ ist, behandelt die Serie einen ganz anderen Aspekt. Das Dreigespann umfasst die Alben “The Illuminated”, “The Divine” und “The Sublime” mit jeweils zwei ausschweifend langen Tracks. Xela kombiniert Field Recordings mit seiner Stimme, verfremdet alles mit Hilfe von Effekten und jagt es durch den Rechner, um dem Hörer jeweils 20-25minütige experimentelle Ambient- und Drone-Epen zu präsentieren.

Aber hier erstmal der Link zum neuen Album: “Xela – Exorcism”

xela dekorder vinyl

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AR – WOLF NOTES

Posted in Release on July 17th, 2011 by N

AR sind Autumn Richardson und Richard Skelton und „Wolf Notes“ ist ihre Zusammenarbeit „für die Landschaft, Flora und Fauna von Ulpha in Cumbrien, Nord-England“. Wenn man dann (ebenfalls durch die Linernotes auf dem Cover) erfährt, dass Ulpha „der Hügel, der von den Wolfen besucht wird“ heisst, erschließt sich auch der Titel dieser LP auf Type Records, deren gleichermaßen reduziertes wie cinemascopisches Cover Artwork (vermutet) genau diese Landschaft zeigt.

AR_Wolf_Notes

Die die beiden zu dieser Musik inspiriert hat? Fünf Titel, die im Namen eine Art Reise tragen, die sich jedoch allein um eben diesen Ort der Wölfe dreht und die dementsprechend keinen wirklichen Wandel in Form einzelner Stücke bezeichnen, sondern eher als Wegmarken entlang eines langen Pfades dienen. Will sagen: im Grunde genommen sind die „Wolf Notes“ ein einziges Stück aus melancholischen Streicherextrakten (Richard Skelton) und Autumn Richardson’s verträumt / verwehten (textlosen) Gesangsmotiven; beides immer wieder mit fast loopartigen Charakter; zwar, gegen Ende oder am Auftakt der einzelnen Tracks, auch mal fragmentarischer, jedoch irgendwann stets den Gipfel in Form sich verdichtender Streicher und geschichtet / bearbeitet wirkender (fast immer gleicher, aber nie langweiliger) Gesangslinien erreichend…

Ein Fall für die Esoterik-Polizei? Verhaftung wegen lulligem Schönklang? Es ist beiden hoch anzurechnen, dass sie es geschafft haben (und es ist eindrucksvoll zu hören wie), genau dies zu verhindern. Statt dessen ein Album faszinierend vielschichtiger Eintönigkeit; geheimnisvoll und nebelig. Meisterwerk. Punkt.

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DEAF CENTER

Posted in Release on February 24th, 2011 by D.K.

Deaf Center sind die beiden Norweger Otto A. Totland (Miasmah Quartet) und Erik K. Skodvin (Svarte Greiner). Totland zuständig für Field Recordings und Klavier und Skodvin am Cello und anderen Saiteninstrumenten, das ist die gelungene Kombination, die das dritte Album „Owl Splinters“ zu dem macht, was es ist; Ein eindrucksvolles Drone-Ambient-Klassik-Statement.

deaf center

Die Norweger von Deaf Center sind mit ganz vielen Ideen, aber ohne Plan ins Studio von Nils Frahm nach Berlin gekommen und haben in enger Zusammenarbeit innerhalb von drei Tagen die acht Songs von „Owl Splinters“ eingespielt. Diese Spontanität ist dem energiegeladenen Album anzuhören. „Divided“ bricht mit Cellodrones über den Hörer ein wie eine Wand aus wütenden Hummeln, dann der Kontrast in „Time Spent“ mit ruhigen hohen Klaviertönen. Das aber auch nur, um “New Bginning (Tidal Darkness)” eine noch gewaltigere Vorlage zu bieten. Tiefe Cellotöne gepaart mit tiefen Klavierklängen rollen ohne Vorwarnung laut und basslastig durch die Gehörgänge. Dieses Klanguniversum nimmt einen sofort ein. Schon allein die tiefen Töne der Cellosaiten, dieses erhaben wirkende Gebrumme, wie der Urgroßvater des Drone-Tons an sich. Diese Platte geht unter die Haut.
Das Album fordert den Hörer mit seinen verschiedenen Stimmungen zwischen melancholisch und wütend, wie im Cellostück „Animal Sacrifice“, wo die groben Streichgeräusche des Cellobogens, neben den Tönen selbst, Hauptbestandteil sind und eine Art treibenden Rhythmus in den Hintergrund legen. Gerade hier fällt auf, dass das Album fast live eingespielt wurde. Wer genau hinhört kann jemanden husten hören. Bei den Sessions in Berlin muss wohl die ganze Zeit das Aufnahmegerät mitgelaufen sein. Das Album endet versöhnlich mit Klavierklängen in “Hunted Twice”. Egal, Platte drehen und Nadel wieder auf den äußeren Rand setzen…

DEAF CENTER artwork_owl_spilinters

Mit „Twin“ liegt der limitierten Vinyl-Auflage von „Owl Splinters“ ein Zusatzsilberling bei. Hier gibt Erik K. Skodvin, unter seinem Pseudonym Svarte Greiner, einen 45minütigen Drone-Ambient-Monolithen zum Besten. Eine Dreiviertelstunde Cellogedröhne als eine Art Reprise des Deaf Center Albums, mit dem Unterschied, dass die Atmosphäre hier durchgehend bedrohlich wirkt. Der Evil Twin von “Owl Splinters” sozusagen.

“Owl Splinters” ist genau wie alle anderen Deaf Center Platten bei Type erschienen.

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JEFRE CANTU-LEDESMA

Posted in Release on February 8th, 2011 by D.K.

Jefre Cantu-Ledesma ist ein Musiker aus San Francisco, der nebenbei auch Artworks für andere Künstler gestaltet und das Indielabel Root Strata ins Leben gerufen hat. Mit seiner Band Tarentel hat Cantu-Ledesma bereits Ende der Neunziger die Kritiker überzeugen können. Neben seiner Arbeit als Labelinhaber ist Cantu-Ledesma in verschiedene Musikprojekte involviert. Seine Soloarbeiten sind in den letzten Jahren aber immer weiter in den Vordergrund gerückt.

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Mit „Love Is A Stream“ hat Jefre Cantu-Ledesma vor ein paar Wochen sein neustes Soloalbum veröffentlicht, auf dem er seiner Vorliebe für minimalistische Shoegaze-Noise-Sounds nachgeht. Das Album ist laut und noisig, aber auch melodisch und einfühlsam zugleich. Diese Mischung zieht einen direkt beim Opener „Stained Glass Body“ in ihren Bann und lässt einen erst bei „Mirrors death“, dem letzten Song der Platte, wieder los. Oberflächlich kratzt und dröhnt es, während im Hintergrund unterschwellige Ambientlandschaften durchschimmern. Jefre Cantu-Ledesma spielt unserer Wahrnehmung einen gelungenen Streich. Eine Herausforderung für die Sinne. Platte auflegen, laut aufdrehen und schauen was passiert.

Erschienen ist „Love Is A Stream“ bei Type Records, dem Label seines musikalischen Kollegen Xela. Der LP Version liegt eine Bonus CD namens „Love Is A Dream“ bei, auf der Jefre Cantu-Ledesma zusammen mit Xela die Albumsongs beziehungsweise Passagen daraus überarbeitet und geremixt hat. Das Ergebnis ist ein komplett neues Album mit sechs dronigen Songs. Wer sich das Album kaufen möchte, sollte sich unbedingt für diese Kombi entscheiden, denn die beiden Platten funktionieren sehr gut zusammen.

jefre cantu-ledesma

Auf der Soundcloud Seite von Jefre Cantu-Ledesma könnt ihr euch einige Songs von „Love Is A Stream“ vorab anhören.

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