RETO MÄDER – EINE RET(R)OSPEKTIVE

Posted in Release on November 1st, 2012 by N

An der ein oder anderen Stelle haben wir euch bereits einige Werke von Reto Mäder vorgestellt. Trotzdem ist es an der Zeit, diesen Ausnahmekünstler mal im Gesamtbild zu betrachten. Dieser Aufgabe hat sich N angenommen:

Für Horrorfilme und ihre Herkunft (Dreh- und/oder Spielort) gibt es anscheinend auch so etwas wie „ihre Zeit“… Hatte die USA, was Horrorfilme betrifft, lange die Hauptrolle, wurde vor Jahren Japan immer aktiver plus die ebenfalls immer beliebtere Sonderform „arglose US-Touristen werden in Osteuropa zu Opfern“. Und dazwischen, zunächst unbemerkt, aber stetig wachsend in Film und Buch: Horrorstories, die in Bayern, Österreich und der Schweiz spielen. Und dabei ganz selbstverständlich die ganze Palette von „lost außerhalb zivilisatorischer Zusammenhänge“, geheimnisvoll skurrilen, abweisenden Einheimischen, fehlender Unterstützung durch Obrigkeiten (weil die mit den Monstern unter einer Decke stecken) und und und durchspielen können (ganz Vergleichbares gilt denn auch für die spanische Sektion des Genres; übrigens). Und ähnlich wie bei den in bestimmten Gegenden anderer Länder (es sind nämlich fast immer „bestimmte Gegenden“) spielenden Filmen ist es auch bei diesen Filmen, die in Bayern, Österreich und der Schweiz verortet sind, besonders das Zusammentreffen mit den merkwürdigen Bewohnern, das den Beginn allen Unheils markiert; den Twist von „alles wie immer“ in Richtung „das kann doch nicht sein“ (was „es“ dann aber immer wieder doch ist…).

reto_maeder_live.JPG

Reto Mäder kommt aus der Schweiz; aus diesem Land, das im Blick des Besuchers oft so clean aussieht, dass genau diese Tatsache viel mehr Gänsehaut erzeugt, als irgendeine einsame Alpenpassage. Dazu eine Sprache, die sich trotz der Kleinheit des Landes nicht auf eine gemeinsame einigen will… Es bleibt eigentlich nur eine Schlussfolgerung: das alles sind Masken, die den düsteren Kern bemänteln sollen; Narretei, die Teufelsaustreibung vorspiegelt, in Wahrheit aber Teufelsanbetung ist. Und ein nicht geringer Teil der bisherigen Veröffentlichungen der unterschiedlichen Projekte von Reto Mäder ist dann auch auf Utech aus den USA erschienen, einem Label, dessen Ausrichtung genau dieser Art düsterer Rituale zugeneigt ist, teils in Kooperation mit Hinterzimmer Records aus der Schweiz (und man mag es glauben oder nicht: das „Amt für Kultur / Erziehungsdirektion des Kantons Bern” hat unterstützt… wenn dies nicht genug Beweis ist für die sinistre Durchdringung dieses Landes).
Diese dunkle Seite der Schweiz scheint durchzogen von einem ganzen Geflecht aus Projekten, Kollaborationen, Bands und Pseudonymen hinter denen, am Ende, stets Reto Mäder steckt; als der, der die Fäden zieht, Richtung und Atmosphäre bestimmt. Und zwar scheinbar so ausdrücklich, dass alle diese Projekte in ihrer Soundästhetik sehr starke Verbindungen haben; so, als ob Klang in der Vision von Reto Mäder immer in einer Farbe zwischen schwarz, tiefgrau und ganz leicht bräunlich stattfinden muss, eine Art tongewordenes Bitumen (ohne deshalb immer und in jedem Fall zähflüsig sein zu müssen). Mit einer Korrosion in bestimmten Frequenzbereichen, die wie eine nur ganz leicht spürbare, dämpfende Schicht alles umhüllt… Eine Ästhetik, die auch die Covergestaltung beherrscht, die bei aller Düsternis interessanterweise auf eine Verschmelzung von abstrakt und figürlich setzt, fast wie Filmstills…
Die Mitstreiter all dieser Projekte sind dabei übrigens im Laufe der Zeit veränderlich, die Konstante bleibt allein der Clanchef…

Reto_Maeder_Ural_Umbo_Debut.jpgDa ist z.B. Ural Umbo (auch: Vral Vmbo), das Projekt mit Steven Hess aus den USA: „Ural Umbo“, die Debüt CD, beginnt mit einem sehr harmonischen, warmen Bläserstück, das an einem durchgehenden Beckeneinsatz gerieben wird; Stück #2, „Theme Of The Paranormal Feedback“, führt diese Stimmung mit leicht veränderten musikalischen Mitteln weiter; mit einem Einsatz von Perkussion, der jede Rhythmik meidet und statt dessen Anmerkungen in die Flächenentwicklung schreibt. „Förlåta Jag“ ist fast so etwas wie ein Zwischenspiel, eine konkretere (und tatsächlich durch Schlagzeug begleitete) Variante der #1, „The Light Would Stop Flickering“, das die Hörer in die brodelnde Feedbackfläche von „Voices From The Room Below“ schickt, dessen eingebettete Melodien tatsächlich von irgendwoher anders, wie durch Wände gefiltert zu kommen scheinen. Diese eigentümliche Atmosphäre, erzeugt durch fast undefinierbare Klangflächen und ganz konkret erkennbare Instrumente, bestimmt auch die weiteren fünf Stücke; zusammen mit dem irgendwie körnigen Gesamtsound ein wirklich eigenständiger Ansatz für Experimental / Drone, der zwar in manchen Stücken mit denen der alten englischen Drone-Possée vergleichbar scheint, durch Sound und Arrangement aber stets seinen sehr eigenen Twist hinkriegt. Die CD-Verpackung mit Transparentpapiertasche und Auflieger aus ebensolchen Papier über (Utech-Style) Pappfolder natürlich höchst ästhetisch… sofern die auffallende Häufung von nackter Haut bei Ural Umbo Covern nicht übelgenommen wird…

Reto_Maeder_Ural_Umbo_Fog_Tapes.jpg

 

 

 

Reto_Maeder_Ural_Umbo_Latent_Defects.jpg

Auf dem Nachfolger „Fog Tapes“ dann ein verhalltes Universum aus wiederum undefinierbaren Sounds, Drones zwischen filigran und drückend, Fieldrecordings und abstrahiertem Black-Metal; ein ebenso verstörendes wie anziehendes Werk, das noch deutlich düsterer ausfällt als das Debüt.

„Latent Defects“, auch ein Nachfolgerelease, basiert als Tape-VÖ auf Material des Debüts, ohne dabei in irgendeiner Weise Remix zu sein oder sein zu wollen. Wer ein geeignetes Abspielgerät hat, kann sechs weitere Lektionen aus der Sicht von Ural Umbo kennenlernen; Soundverschiebungen und -schichtungen, Flächen aus Perkussion (die als solche nicht erkennbar wird…) etc.

Reto_Maeder_Ural_Umbo_Delusion_Of_Hope.jpg„Delusion Of Hope“. Der Titel beschreibt diese Ural Umbo gut… ein Eintauchen in tiefe, schwarze Landschaften, wo selbst in den Momenten, in denen nur gespinstdünne Fäden gezogen werden, die ungezähmte (und unkontrollierbare?) schwarze Seite ohne jeden Versuch der Abschwächung aufgedeckt wird. Maximum düster. Möglicherweise die Ural Umbo, die, die „richtige“ (Ein)Stimmung vorausgesetzt, fast schon Angst machen kann (z.B. bei „Resinous Compound“ mit seinen Kinderstimmen…) Dieses Stück in einem Horrorfilm wäre definitiv eine andere Liga als die Filmmusiken, die dort schon schablonenhaft immer wieder eingesetzt werden. Die LP kommt mit zusätzlicher CD mit gleicher Tracklist; aufgrund des anderen Masterings (?) klingt es aber tatsächlich wie eine eigene Alternative. In manchen Bereichen übrigens nah an Steven Hess’ sonstigem Spielfeld Locrian…

Reto_Maeder_Sum_Of_R_Debuet.jpgSum Of R, ein weiteres Kollaborationsprojekt, gestartet in Triobesetzung mit der selbstbetitelten CD auf Utech; ein Drone-Mahlstrom, fast düsterer als Ural Umbo, flächiger, aber zwischendurch auch mit tief eingebetteten Pulsen; beschwörend. Wiederum sind viele Soundquellen nicht wirklich identifizierbar, geben Hinweise, aber treten zugunsten der Gesamtwirkung zurück. Erkennbar im Ohr bleiben Orgeln und auch stark in den Hintergrund gemischte (Proto-Black-Metal) Gitarren. Dieses erste Album von Sum Of R scheint dadurch wie ein alternativer Entwurf zu Ural Umbo; das kompositorische Ziel vergleichbar, Mittel und Besetzung eigenständig. Als musikalisches Vehikel ist Sum Of R aber anscheinend sehr frei angelegt (oder die Umstände haben dazu geführt): schon live war Sum Of R zuletzt ein Duo aus Reto Mäder und (neu dabei) Julia Wolf an der Gitarre; der Sound wesentlich konkreter, die Kompositionen bewegter, loopbasiert, durch Schlagzeug angetrieben und von der heavy Gitarre in ganz andere Gefilde geschoben. Das in Kürze beim italienischen Label „Storm As He Walks“ erscheinende zweite Album „Ride Out The Waves“ wird sich dadurch ganz erheblich vom Debüt unterscheiden.

Reto_Maeder_Pendulum_Nisum.jpgPendulum Nisum ist die derzeit neueste Kollaborationsplattform von Reto Mäder; hier zusammen mit Mike Reber. Pendulum Nisum ist ein weiteres Mal ganz im dunkel verschrobenen Soundkosmos verankert, den auch die anderen Projekte von Reto Mäder bewohnen. Die Eigenständigkeit entsteht durch den starken Einsatz von Fieldrecordings (Mike Reber) und einer trotz Elektronik etc. fast analog wirkenden Ästhetik, die Pendulum Nisum weniger drückend, statt dessen offener und fragiler erscheinen lässt. Das ganze in Hallkavernen mariniert und mit Drones versetzt. Wem Ural Umbo gefällt, der sollte hier ebenso wenig zögern.

Reto_Maeder_RM74_Reflex.jpgRM74 „Reflex“: hinter der kryptischen Abkürzung verbirgt sich Reto Mäder solo (und möglicherweise auch ein Hinweis auf sein Geburtsjahr, falls das für jemanden wichtig sein sollte) und die in einem Zeitraum von 3 Jahren entstandene „Reflex“ transportiert mit ihrem Fledermaus close-up auf dem Cover genau wie die „Delusion Of Hope“ von Ural Umbo mit ihrem Titel schon die Botschaft hinsichtlich der zu erwartenden Musik: auch solo herrscht eine Düsternis, die sich in ihrem eigenen Dreck wälzt, es dabei aber immer schafft, bekannte Klischeefallen auszulassen. Das Cover wie bei Sum Of R’s Debüt in einem Vollpappe-Digipack, das ebenso eigene Schönheit besitzt wie die Musik.

Und vielleicht kann der letzte Halbsatz oben für den Einen oder die Andere Anregung genug sein, sich mit dieser Seite der Schweiz zu beschäftigen. Es lohnt sich, auch wenn die Musik von und mit Reto Mäder sich selbst nicht so ohne weiteres auf dem Silbertablett des einfachen Hörens präsentiert, wie das bei vergleichbarer Musik manchmal eher der Fall ist.

Mehr zu Reto Mäder…

reto_maeder.JPG

Tags: , , , , , ,

URAL UMBO

Posted in Release on October 16th, 2011 by D.K.

Ural Umbo nennt sich das Duo, das sich aus dem Schweizer Reto Mäder (RM74, Sum of R) und dem Amerikaner Steven Hess (mittlerweile fester Bestandteil der Studiobesetzung von Locrian) zusammensetzt. Mäders Hauptinstrument ist der Bass, Hess konzentriert sich auf Percussion und Drums, und um dieses Konstrukt von Rhythmusinstrumenten paaren sich Field Recordings, Synthiesounds und andere Klangobjekte. Das Ergebnis ist eine Klangwand aus Drone, Doom, Ambient mit starker Improvisations- und Experimentierfreude.

Das amerikanische Feinkostlabel für experimentelle Sounds Utech Records hat das Debüt und ein Tape veröffentlicht und legt jetzt, nach einem Abstecher der Band, deren Zweitwerk „Fog Tapes“ das bei Hinterzimmer Records erschienen ist, das dritte Album „Delusion Of Hope“ nach.

URAL_UMBO.jpg

„Delusion Of Hope“ ist der perfekte Titel für dieses Album, das wirklich nicht im Geringsten Hoffnung für positive Gemütszustände aufkommen lässt. Schon der Opener “Initial Magnetization Curve” rollt eine derbe verzerrte Dronewalze aus, die mit einer Art Gongsound untermalt sich immer weiter ausweitet und den ganzen Raum, in dem die Musik gehört wird, überflutet, bis dann kurz vor der Neun-Minuten-Grenze die Erlösung zu kommen scheint. Erlösung folgt aber nicht, denn wo der Opener vom Bassdrone dominiert wird, gibt nun in “Sych” ein fies übersteuernder Drumsound den Ton an. Knappe zwei Minuten reizen die Drums die Lautsprecherkapazität aus, genial. “This Dead and Fabled Waste” nimmt dann erstmalig etwas Dynamik raus und präsentiert sich mit düsteren O-Tönen, flirrenden surrenden Sounds und akzentuiertem Percussioneinsatz, so schließt auch “Evocative Luminance” mit ruhigeren Tönen das Hörerlebnis von Seite A ab.

Seite B setzt laut ein mit “Self Fulfilling Prophecy”. Ein wie von selbst vor sich herdröhnender verzerrter Bass, trockene Drums und Synthiesounds, die dem Doomgewand eine kosmische Note geben. “Resinous Compound” zeigt dann die Dark-Ambient-Seite von Ural Umbo und auch hier können die beiden Spannung aufbauen und halten. “So Here I Live, Sorry” gleitet mit einem Schleier aus fragilen Sounds vor sich hin, bis irgendwann ein marschierende Percussionwand immer lauter werdend in den Song einbricht und sich in ein Drumunwetter verwandelt. Der Abschluss mit “Thermal Layering” beginnt mit pumpenden Orgeltönen, die übereinander gelegt einen Dröhnteppich ergeben und mit Percussion und nichtdefinierbaren anderen Sounds den Hörer aus der Ural Umbo Welt entlassen.

ural_umbo_delusion_of_hope_artwork.jpg

Im Gegensatz zu den beiden Vorgängeralben, die durchgehend eine bestimmte Stimmung verkörpert haben, entwickelt sich „Delusion Of Hope“ von einem dronigen pumpenden Ungetüm in ein entspannteres soundtrackartiges Klanggebilde, das aber nicht weniger dem düsteren Albumtitel entspricht. Eine kleine musikalische Horror-Thriller-Reise, die unter die Haut geht.

Das Album erscheint in einer 300er Auflage auschließlich auf Vinyl mit beiliegender CD-Version des Albums und kann direkt über Utech Records bestellt werden. Für das Coverartwork sind Fotos des deutschen Photographen Alexander Binder verwendet worden.

 

Tags: , , , , ,